Die Adidas-Jacke und die Frage des kulturellen Remixing
Teilen
Als wir die Adidas-Jacke im „New Chinese Style“ zum ersten Mal sahen, war es nicht nur das Design, das unsere Aufmerksamkeit erregte.
Es war die Reaktion darauf.
Manche Leute sagten: Alles ist erlaubt.
Kultur sollte frei neu gemischt werden, Regeln gebrochen, Referenzen ungehemmt übernommen werden. Nichts sollte zu „kostbar“ sein.
Wir verstehen, woher diese Idee kommt.
Sie spiegelt eine sehr westliche Beziehung zur Kultur wider, eine, in der Kreativität oft durch Bruch, Neuerfindung und Distanz zur Vergangenheit definiert wird.
Aber als Vietnamesen, als Asiaten, wurde uns Kultur nicht auf diese Weise vermittelt.
Tradition ist kein Rohmaterial
In vielen asiatischen Kulturen ist Tradition nichts, woraus man Inspiration schöpft.
Es ist etwas, das man erbt.
Es wird durch Wiederholung, durch Gesten, durch Fürsorge weitergegeben.
Durch Familienessen. Durch Rituale, die nicht erklärt, sondern praktiziert werden. Durch Kleidung, die nicht getragen wird, um aufzufallen, sondern um Zeit, Respekt und Zugehörigkeit zu kennzeichnen.
Das bedeutet nicht, dass Tradition statisch ist.
Anpassung gibt es, das war schon immer so.
Aber Anpassung soll im Dialog mit dem Vorhergehenden bleiben.
Nicht überschreiben. Nicht zu einer Oberfläche verflachen.
Warum die Adidas-Jacke Unbehagen auslöste
Das Unbehagen an der Adidas-Jacke lag nicht daran, ob Kulturen sich entwickeln können.
Natürlich können sie das.
Es ging darum, wie mit kulturellen Formen umgegangen wurde.
Wenn Kleidungsstücke, die historische, soziale und emotionale Bedeutung tragen, primär als ästhetische Referenzen behandelt werden, geht etwas Wesentliches verloren. Nicht Schönheit, sondern Kohärenz.
Für viele asiatische Betrachter, insbesondere solche in der Diaspora, fühlt sich diese Art der Adaption vertraut an.
Wir haben gesehen, wie unsere Kulturen auf Silhouetten, Farben, Motive reduziert wurden, losgelöst von den Bedeutungssystemen, die ihnen ursprünglich Leben einhauchten.
Was als „Innovation“ präsentiert wird, fühlt sich oft wie Auslöschung an.
Eine kulturelle Logik gilt nicht überall
Das Problem ist nicht das Remixen selbst.
Es ist die Annahme, dass eine kulturelle Logik universell anwendbar ist.
Die Idee, dass Kultur dazu da ist, frei gebrochen, rekombiniert und konsumiert zu werden, ist nicht neutral.
Sie entstammt einer spezifischen historischen und kulturellen Position, die lange globale Macht innehatte.
In vielen asiatischen Kontexten funktioniert Kultur anders.
Sie ist relational. Sie ist kollektiv. Sie wurzelt in Kontinuität statt in Bruch.
Diese Differenz zu ignorieren, ist nicht radikal.
Es ist einfach nachlässig.
Kultur ist kein Moodboard
Kultur ist keine Sammlung von Bildern, die darauf warten, verwendet zu werden.
Sie ist ein lebendiges System.
Sie verändert sich, ja, aber sie verändert sich durch Zuhören, nicht durch Entnahme.
Durch Verstehen, nicht durch Beschleunigung.
Als Vietnamesen, als Asiaten leben wir zwischen den Welten.
Wir wissen, was es bedeutet, sich anzupassen.
Wir wissen auch, was es bedeutet, dabei Sinn zu verlieren.
Deshalb sind diese Gespräche für uns wichtig.
Nicht, um den Zugang zu beschränken.
Nicht, um zu moralisieren.
Sondern um uns selbst und andere daran zu erinnern, dass Innovation nicht durch mehr Nehmen entsteht. Sie entsteht durch besseres Zuhören.